Tolos Modell
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»Das Tholos-Projekt
ein rational – existentialistisches Projekt
Ort und Atmosphäre
Genauigkeit und Fremdheit«


Die ersten Serien von kleinen Zeichnungen, die das Motiv eines zylinderförmigen Brunnenschachtes variieren, entstehen vor etwa 20 Jahren. Immer neu wird in kleinen Zeichnungen ausprobiert, welche Figuren, Gegenstände und Geschichten zu dieser architektonischen Form »passen« könnten. Dass mich diese Geschichte so lange beschäftigen wird, ist jedoch keineswegs von Anfang an klar.

Es ist für den Fortgang des Tholos-Projektes sehr wichtig, dass ich von Marion Piffer, die als Kuratorin das Ausstellungsprogramm der Galerie Museum in Bozen mitgestaltet, im Jahr 1993 eingeladen werde, meine Arbeit in einer Einzelausstellung zu präsentieren: Blätter mit Zeichnungen, Acrylmalereien, ein Modell und Fotos von mehreren kleinen Modellen.

In den Jahren nach der Ausstellung in der Galerie Museum tritt das Malen in den Hintergrund. Ich »denke« und komponiere zwar wie früher Bilder in vielen kleinen Zeichnungen, stelle mir nun aber nicht mehr Gemaltes, sondern Fotografiertes im großen Format vor. Die Fotos sollen »realistisch« wirken und ich plane, ein großes Modell zu bauen. Die Wandelemente des Zylinders aus Holz und die Wasserwanne aus Blech mit Glasboden werden in Werkstätten vorbereitet, im übrigen montiere ich das meiste eigenhändig. Bei dieser nicht gerade effizienten Bauweise und wegen der Unterbrechung durch den Winter zieht sich die Arbeit bis in das nächste Jahr hinein.

Dann steht das Modell fünf Jahre lang, wird fotografiert, bei unsicherem Wetter zugedeckt, von Schnee befreit, Besucher staunen, die Mitbewohner von Haus und Garten sind geduldig, und irgendeinmal ist es genug; im Sommer 2002 baue ich das Modell ab; das Holz ist im Winter noch als Heizmaterial nützlich.

Die Tholos als ein vom Menschen in die Natur eingefügtes Zeichen, ein mit ästhetischer Einfühlung gebautes Bergheiligtum. Idealer Standort wäre eine Landschaft bei Sterzing, in der Nähe von sieben Bergseen. Die Tholos wirkt nicht aufdringlich und stört nicht den freien Ausblick, da nur drei Stufen des Unterbaus und darauf ein etwa 90 cm hoher Mauerring (gut 6 m im Durchmesser, wie die Tholos von Delphi) sich über den Boden erheben. Die drei oberen Enden der Alphörner ragen etwa 1,5 m aus dem Boden. Wanderer nähern sich und schauen, sie erleben den suggestiven Eindruck des weiten und tiefen Zylinders mit der Spirale, die den Blick hinableitet auf den großen Wasserspiegel. Der Spiegel verdoppelt die Tiefe und zeigt weit unten Himmel und Wolken und – klein – das eigene Bild. Vielleicht gibt es auch – durch einen engen äußeren Gang parallel zur Spirale – den Abstieg in einen Meditationsraum, eine gläserne Kapsel im oder unter dem Wasser. Die Alphörner sind wirklich spielbar: vorsichtige Versuche, ein verhaltenes Anspielen, schwermütige Tonfülle und schauriges Widerhallen, skurriles Abklingen.

Hans Knapp




»Die Uhr schlägt. Alle.«
Stanislaw Jerzy Lec

Ich bin umgeben von Dingen und Bildern – und oft sind dies auch Zeichen, die etwas bedeuten. Im Inneren entstehen Vorstellungen und Gedanken; sie kommen und gehen, steigen ins Bewusstsein auf und entwickeln sich, sie versinken zeitweise oder hören ganz auf.

Fast alles unbeachtet lassen, die meisten äußeren »Reize«, den weitaus größeren Teil der Einfälle, der beginnenden Gedanken oder Bilder ignorieren; nicht versuchen zu erproben, ob etwas Interessantes, etwas Wichtiges oder etwas Schönes entstehen könnte, wenn ich das Auftauchende festhalten und weiterspinnen würde.

Was nicht möglich ist: mir eine Übersicht zu verschaffen über alle Bilder und Gedanken, über alle »Ergebnisse«, die herauskommen könnten, und dann auswählen, welche ich in der kurzen mir gegebenen Zeit auch wirklich realisieren will. Es wird sich – in vieler Hinsicht auch mir selbst – erst zeigen, was für einer ich bin.

Etwas auszuwählen bedeutet vieles wegzulassen. Oft fällt es mir schwer, etwas liegen zu lassen, und nur manchmal ist das Wählen leicht, weil etwas da ist, das stärker ist als alles andere.

Neuerdings liest man viel über das Gefühl, das uns führt, wo rationale Kriterien ein Ausufern nicht verhindern könnten. Aber auch die »Seelen« (es sind wohl mehr als zwei) stehen nicht selten im Widerstreit. Oft erlebe ich den Widerstreit in dieser Form: will ich zuerst etwas, was als Idee, als Bild oder als Argument für mich geklärt scheint (in kleinen Skizzen, auf Zetteln), in eine nun auch sinnlich-ansehnliche Form bringen, oder will ich vorher noch die vielen Ideenstücke, die »offen« herumliegen, zumindest im Prinzip einer Klärung oder einer möglichen Gestalt zuführen?

Fast zwanzig Jahre lang war ich Lehrer und habe in der Freizeit mich von einer Bildidee zur nächsten weitergezeichnet, meist im Briefmarkenformat, selten Größeres als eine Postkarte. So ist im Laufe der Jahre ein Archiv entstanden, und es wächst weiter…

Nachher würde ich jede Menge Zeit haben und aus den Skizzen große Arbeiten machen, und ich habe auch den Vorsatz »mindestens 5 Stunden pro Tag »Ausführen« schriftlich niedergelegt. Das grundsätzliche »Rahmenproblem« ist mir aber geblieben.

Über das noch grundlegendere und größere Rahmenproblem: welche Dinge überhaupt im Leben Vorrang und Wert haben sollen, will ich hier nicht schreiben.

Hans Knapp

(Beide Texte aus dem Katalog zur Ausstellung 2005 in der Galerie PRISMA in Bozen “maybe there is a frame problem – neue Arbeiten zum Tholos-Projekt / nuove immagini della Tholos)